07.12.15

Ein untadeliger Mann - Jane Gardam



Edward Feathers, Old Filth genannt, ehemals Kronanwalt in Hongkong, vorbildlich, tadellos und ein Gentleman höchster Güte. Physisch, wie psychisch in den Rahmen dessen passend, was man zu Zeiten einer intakten Monarchie von einem Mann erwartet.
Seine Laufbahn klingt vorbildlich. In der Schule stets bemüht, schafft er die Aufnahmeprüfungen am College, verteidigt sein Vaterland, so gut er kann, heiratet, ist erfolgreich und kehrt nach einer großartigen Laufbahn als Richter wieder nach England zurück. An Edward Feathers liegt kein Haar krumm. So scheint es zumindest nach außen.

Als er nach dem Tod seiner Frau Betty eine Reise antritt, begegnet er den Schatten der Vergangenheit. Den Geistern, die er weitestgehend verdrängt hat und die nun bereit sind ihren Frieden mit ihm zu schließen.

Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner Fingernägel war reinweiß. Die wenigen Haare unter den Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirkten stets wie frisch shamponiert, ebenso wie sein lockiges, immer noch rötlich braunes Haupthaar.“

Der Journalist Daniel Schreiber spricht im Vorwort eine Art Warnung aus. Er betitelt „Der untadelige Mann“ als ein Buch, das man nicht mehr weglegen kann und das den Leser alles um ihn herum vergessen lässt. Ja so ist es. Herr Schreiber hat Recht. Edward Feathers Geschicht fesselte mich vom ersten Moment an und liebend gern hätte ich alles andere bei Seite gelegt, um meine Zeit ausschließlich mit den scharfsinnigen Worten Jane Gardams zu verbringen, hinter denen immer noch ein kleines bisschen mehr steckt, als der erste Blick vermuten lässt.

Nichts hat Edward bemerkt von all den Schwächen seiner Mitmenschen, von deren Verfall, der sich dort ebenso ausbreitete wie in dem Land, das er einst unter Queen Mary so vehement als seine Heimat anerkennen wollte, obwohl ein Stück seines Herzens immer in Malaysia, dem Land, in dem er geboren wurde, geblieben ist.

Jede Minute aufs angenehmste ausgefüllt. Arbeit, Vergnügen, keine Belastungen.
Und der Sonnenuntergang ebenso zuverlässig wie Filth Heimkehr.“

Ich habe jeden einzelnen Satz, der von der Autorin Jane Gardam, die jetzt im hohen Alter von 83 Jahren zum ersten Mal von Isabel Bogdan so fein übersetzt wurde, genossen. Habe ihre Worte in mich aufgesogen und Old Filth mit jedem einzelnen mehr ins Herz geschlossen. Ein Gutmensch, der trotz seines Berufs – welch Ironie – so blauäugig durchs Leben geht, dass er nicht bemerkt, dass er seiner Frau nicht das geben kann, was sie sich wünscht, dass er nicht sieht, wie verrückt seine Cousine Babs ist und wie sehr das Alter an ihm nagt. Er ist keinesfalls naiv, aber was zwischenmenschliche Dinge angeht hat er eben wenig Erfahrung. Und die wenige, die er gemacht hat, war alles andere als positiv. Das Schicksal hat ihn nicht mit Samthandschuhen angefasst.
Und trotzdem schaut er immer nach vorn.

Filth hatte es nicht so mit Blumen. Er fand sie nichtssagend, manchmal sogar feindselig. Die Tulpen waren es, dachte er, die sie am Ende erwischt haben.“

Mit Haut und Haaren bin ich Jane Gardams Schreibe, ihrem britischen Charme und ihrer Fähigkeit den Leser zu bannen, erlegen. Ebenso ihrem wundervollen Protagonisten Edward Feathers, der mich immer wieder zum schmunzeln gebracht hat und den so viele Erfahrungen zu dem gemacht haben, was er ist.


„Ein untadeliger Mann“ überzeugt auf vielen Ebenen. Vor allem aber durch seine Besonderheit im Ausbau der Charaktere und dieser wundervoll klugen wie ironischen Erzählweise. Ich freue mich sehr darüber, dass der Roman Auftakt einer Trilogie ist und der Hanser Verlag auch den Folgeband übersetzt und unter dem Titel „Eine untreue Frau“ im Mai 2016 veröffentlicht.

Buchinfo:


Hanser Berlin (August 2015)
352 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
22,90 €
Originaltitel: Old Filth
Übersetzung: Isabel Bogdan
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Nanni

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