18.09.16

[Kolumne] Früher war nich' so'n Theater ...!

Bei uns im Sauerland ist das ja so: Jeder hat eine Meinung. Zu Allem und Jedem. Diese wird kundgetan, ob man das möchte oder nicht. Den Meinungsäußerer / Die Meinungsäußererin interessiert auch nicht, ob diese fachlich fundiert ist oder aus eigenen Erfahrungswerten resultiert. Nein, es wird geredet wie die Schnauze der Mund gewachsen ist. Hauptsache, man hat auch was dazu gesagt. Das Thema ist übrigens schnurzpiepegal.

Seit ich Mutter bin, begegnet mir diese Verhaltensform immer häufiger. Kurz wird Interesse geheuchelt, aber sobald ich berichte, werde ich unterbrochen und bekomme ungefragt Tipps und Tricks, wie ich mein Kind noch besser erziehen / ernähren / kleiden etc. kann.

Der Satz, den ich am meisten höre ist: „Früher war nich' so'n Theater.“

Bildrechte: N. Eppner


Früher war nich' so'n Theater in der Schwangerschaft!

Also früher haben die Frauen ja während der Schwangerschaft noch Kartoffeln geerntet (auch die aus der Stadt), jeden Tag das Haus geputzt (müssen die dreckig gewesen sein) und bis kurz vor der Geburt noch morgens dem Mann das Hemd rausgelegt. Der geht nämlich brav arbeiten und darf sich auf keinen Fall frei nehmen, um die Schwangere zu Ultraschallterminen zu begleiten. Warum auch? Vater wird man ja erst ab dem Tag der Geburt.

Früher war nich' so'n Theater bei der Geburt!

Früher haben die Frauen ihre Kinder im Galopp verloren, damit sie auch ja schnell wieder bei ihren unselbstständigen Männern sein können, um für sie den Haushalt zu schmeißen, denn dort hält er sich ja schließlich während der Geburt auf. Na okay, mit in den Kreissaal darf er. Aber ein Familienzimmer? Was ist denn das für neumodisches Zeug? Wobei will der denn auch helfen? Beim Stillen etwa? Ne, ne, lieber nehmen wir dem Mann die Möglichkeit das Leben seines Kindes von Anfang zu begleiten, als uns auf so moderne Machenschaften einzulassen.

Früher war nich' so'n Theater beim Stillen!

Da wurde zwischen Tür und Angel, zwischen Herd und Esstisch, zwischen Bügelbrett und Waschmaschine gestillt. Das Kind auf dem einen, den Wäschekorb auf dem anderen Arm balancierend. Schämen muss man sich dafür nicht, dass man der Natur freien Lauf lässt, aber in der Öffentlichkeit stillen ist schon sehr anmaßend. Die meist gesagten Sätze übers Stillen:
  • "Was, du stillst nicht mehr?"
  • "Was, du stillst noch?"


Früher war nich' so'n Theater mit der Erziehung!

Manchmal ist es besser einen Klapps auf die Finger zu geben, als die gute Dekoration wegräumen zu müssen. Im Notfall kann man die Kleinen ja auch mal in ein Zimmer sperren. Früher, wenn der Oppa geschimpft hat, haben wir alle still gesessen und keinen Mucks mehr gesagt.
Satz, der mir gestern genau so begegnet ist:“Ach, sie ist aber auch wirklich aktiv. Will se schon krabbeln? Dann musste se aber bald anbinden. Ist nicht schön für's Kind, aber da muss se dann durch.“
Aber ich hab ja sowieso Glück mit dem Kind. Das ist ja immer so lieb. An meiner Erziehungsmethode bzw. meinem Umgang mit dem Kind kann es nicht liegen. Neumodisch wie das alles ist.

Früher war das nich' so'n Theater mit dem Essen!

Wenn das Kind zum Essen guckt (Anmerkung meinerseites: meistens schon ab vier Monaten), dann kann's auch schon am Tisch mitessen (Anmerkung meinerseits: empfohlenes Alter für Beikost ca. 6 Monate). Besonders gut eignen sich Schokoladenpudding, Eis, das Innere vom Frankfurter Kranz und Kartoffeln mit saftiger, gut gewürzter Bratensoße. Allergien macht man sich doch selbst, weil die Kinder heute nix gescheites mehr zu essen kriegen. Und früher hat man ja auch alles gegeben und guck an, was aus uns geworden ist! fettleibig, oft krank, Magen- und Hautprobleme


Dieser Text ist natürlich völlig überzogen. Nein, nicht ganz, denn einige dieser Sätze habe ich genau so tatsächlich schon gehört. Andere sind meiner Fantasie entsprungen, liegen aber nahe an den Gesprächen, die mir oftmals aufgezwungen werden.

Ich lerne gerne aus den Erfahrungen älterer Familienmitglieder und Mitmenschen, finde es aber furchtbar, wenn die Augen so vor Neuerungen und Fortschritt verschlossen werden.

Früher und Heute können nicht verglichen werden. Die Lebensumstände waren völlig anders. Arbeitszeiten haben sich verändert, die Art der Arbeit, aber ganz besonders die Art unseres Alltags. Faktoren wie Stress, Technik, völlig andere Ernährungsweisen durch die Möglichkeit Lebensmittel auf unterschiedlichsten Wegen haltbar zu machen, sowie veränderte Familienkonstellationen haben dafür gesorgt, dass Familie / Alltag Früher und Heute unterschiedlich sind. Nicht immer ein Fortschritt, aber Veränderungen, vor denen wir uns nicht verschließen können.

Bildrechte: N. Eppner



Kennt ihr solche Aussagen auch?

Nicht nur zum Thema Kind, sondern auch zu vielen anderen Themen bekommt man ungefragt unqualifizierte Meinungen aufs Auge gedrückt.

Welche Aussage nervt euch am meisten?

Kommentare:

  1. Oh ja, kenne ich. Was Kinder betrifft, halt nicht gerade an mich persönlich gerichtet, aber da bekommt man schon auch im Freundes- und Familienkreis einiges mit. Und ganz allgemein kenne ich sowohl dieses "immer den Senf dazugeben" als auch "früher war ... (alles besser)" nur allzu gut.

    Meine Mutter bedauert es übrigens noch immer fürchterlich, dass mein Vater nur bei meiner Geburt mit dabei war (ich bin eine deutliche Nachzüglerin), weil es bei der Geburt meiner Geschwister noch nicht erlaubt war.
    Und sie schimpft öfter mal drüber, wie das früher mit dem Stillen war - dass da die Kinderärzte meist ganz strikte Zeiten dafür vorgegeben haben (immer genau alle fünf Stunden) und man dann ein ständig schreiendes, weil hungriges Baby zuhause hatte.
    Soviel zur guten alten Zeit ...

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    1. Ich glaube gerade im Bereich Kinder / Erziehung ist das einmischen besonders schlimm.
      Allerdings ist es auch so, dass mein jüngerer Bruder im Januar Papa wird und ich aufpassen muss, dass ich nicht auch ständig irgendwelche Ratschläge gebe :D

      Wir konnten leider auch kein Familienzimmer nehmen, weil keins frei war, aber der Umgang zwischen Vater und Kind ist schon anders, wenn er die meiste Zeit dabei ist. So bekommt halt auch der Papa alles von Anfang an mit und Vater und Kind müssen sich nicht erst Zuhause kennenlernen.

      Zum Stillen gibt es allerdings jedes Jahrzehnt neue Theorien :D Aber früher war das schon sehr steril oder abgegrenzt. Ich glaube weniger innig, als heute.

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  2. Ein sehr schöner Post, ich bin zwar keine Mutter, kenne diese oder ähnliche Verhaltensweisen aber bei anderen Themen. Ich finde es toll, dass du so ehrliche Worte darüber verlierst :)

    Liebe Grüße
    Shanty

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    1. Freut mich, dass dir der Text auch als Nicht-Mutter gefällt :)

      Liebe Grüße an dich
      liebste Shanty

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  3. Hey =)

    Ein sehr schöner Text und wie recht du hast. Ich habe ja selber zwei Kids und ich habe oft durch andere das Gefühl gehabt: Egal wie ich es anstelle, es ist falsch! Das war mit meinem ersten Sprössling kaum zu ertragen. Später habe ich drauf gesch...(pfiffen) und das habe ich bis heute mitgenommen. Ich war nie penibel oder übervorsichtig, aber irgendeine Seite konnte immer meggern. Entweder die Übermuttis(Wattebausch und Co.) oder die äußerst autoritäre Fraktion(die guten alte Zeit Menschleins)

    Ich finde es schrecklich, wenn sich Menschen so an Vergangenem festklammern, aber auch nicht das was heute so suggeriert wird. Man darf ja nicht einmal mehr laut werden, weil man Angst haben muss das Jugendamt steht danach vor der Tür (leicht übertrieben. =D)
    Der Mittelweg macht´s und den habe ich für mich gefunden. =)
    Liebe Grüße
    Katie

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    1. Hey,

      alle Mütterstimmen zum Text haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Eigentlich muss man ja sagen "leider".

      Am besten ist es manchmal einfach die Ohren zuzuklappen und brav zu nicken. Es ist ja auch nicht so, dass man leichtfertig mit seinem Kind umgeht. Alles was man macht hat ja Gründe.

      Schön, dass du für dich einen guten Weg gefunden hast. Wir sind da auch ziemlich straight in unserer Art und lassen uns nicht aus dem Konzept bringen. Aber manchmal nervt es eben ;)

      Liebe Grüße
      Nanni

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Hallo,
schön, dass du hier her gefunden hast. Ich freue mich über deinen Kommentar.
Liebe Grüße,
Nanni

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